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Angst—Geborgenheit

 

Dieses Buch ist mein erstes Semesterprojekt gewesen. Zur Auswahl standen die Gedichte der Lyrikerin Kerstin Preiwuß. Ich entschied mich für eines ohne Titel aus dem Gedichtband "Gespür für Licht", welches mit dem Wort "Angst" beginnt. 

Entscheidend bei meiner Wahl des Gedichtes war der Umstand, dass ich mich nicht in der Sprache von Preiwuß zurecht fand (und vielleicht tue es noch immer nicht). Das heißt, etwas am Rhythmus ihrer Gedichte ließ mich nicht wirklich eintauchen. Ich glaube, dass ich es damals so sah. Doch die Worte, die sie in diesem Text verwendete, machten mir Hoffnung, dass ich hier einen Zugang zu ihrem Schreiben finden könnte.


Was unentwegt klingt sind Wörter 

Zu der Zeit, als ich dieses Projekt im SoSe 2019 in Angriff nahm, hatte ich aufgrund eines privaten Schicksalsschlages seit bald einem Jahr kaum eigene Gedichte mehr verfasst. So kam ich zu der Entscheidung eine Antwort auf diesen Text zu verfassen, um meine Schreibblockade zu überwinden.
Ich hangelte mich an den Worten entlang. Die Nymphen, die Borke, das Brustbein.
Es entstand ein Gedicht, das mit ich "Geborgenheit" betitelte und welches den zweiten Teil des Buchtitels ausmacht.
In einem gewissen Sinn wurde dieser Text eine Art Spiegelbild des anderen. Ein Spiegelbild aber wie man es in der Oberfläche eines gelegentlich durch Wellen in Bewegung versetzten Gewässers sehen mag. Aus der Borke wurde Schilf, die Nymphen und Sirenen kehrten wieder, ließen ihre Stimmen hören, und anstatt eines offenen Brustbeins, wuchs erst der Schild des Brustkorbes.

Nach einigen Versuchen war ich mit dem Ergebnis weitestgehend zufrieden. Ich hatte ein Gedicht zur Antwort gegeben, aus dem aber meine poetische Stimme sprach. Und vielleicht schaffte ich es auch, mir auf diese Weise den Text von Preiwuß anzueignen.

Zwischen Schilf und Borke

Ich möchte abschließend noch ein paar Worte verlieren, welche der Interpretation dieses Buches dienlich sein können:

Die Illustrationen durch Schilf und Kiefern lassen sich natürlich schon in den verwendeten Texten finden, doch zugleich haben sie auch einen autobiographischen Hintergrund. Ich selbst bin nämlich in meiner Kindheit und Jugend viel an einem bestimmten See gewesen, ja an diesem See habe ich sogar meine ersten Gedichte geschrieben. Vielleicht also, war die Arbeit an diesem Buch wie eine mentale Heimkehr. Das Buch, welches ein Leporello ist, lässt sich auch als Kreis aufstellen, die Kiefern, die Angst also, nach außen und das Schilf, der See und die Geborgenheit nach innen.

Diese Form ist denn auch die eigentlich ideale, um dieses Buch zu präsentieren. Dieses Buch, das sich in einem Fort lesen lässt, immer wieder springend zwischen Angst und Geborgenheit, wie ich, der ich angstvoll war, ob des Schicksalsschlages, der mich hemmte, der mich aus der Geborgenheit gerissen hatte. 


Daten

Format: 18cm*23cm

Auflage: 10 Exemplare

Jahr: 2019

Technik: Holzschnitt in 6 Farben, Bleisatz, Leporellobindung mit festen Deckeln in Kartonmappe

Schriftart: Ratio-Latein 16p






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