My White Male Bookshelf
Ein Name ohne Gesicht
Nachrichten über das Leben und Werk von Elisabeth Paulsen sind spärlich. Sie wuchs in Holstein als Tochter eines Kirchenpropstes auf und lebte später verheiratet in Hamburg. Sie veröffentlichte zwei Gedichtbände, die in Bibliotheken nicht mehr greifbar sind. Bekannt ist ihre Lyrik nur aus Anthologien und Zeitschriften des ersten Jahrzehnts dieses Jahrhunderts. Eine Ausnahme ist die von Elisabeth Langgässer herausgegebene Anthologie von 1934, die noch einige Gedichte enthält.3
Zusätzlich gab es keine Abbildung. Ein zeitgenössischer Druck aus der monatlich erscheinenden Illustrierten The Savoy aus dem Jahr 18964 füllte die Leerstelle. Gewiss mag es auch an diesem Bild gelegen haben, dass mein Interesse am Schicksal dieser Dichterin geweckt wurde. Doch freilich nicht nur das. Nach dem kurzen biographischen Abriss finden wir zehn Gedichte. Acht von diesen sind Teil der Reihe „Gedichte an eine Frau“. Dort lesen wir:
I. Seufzer
Gebt mir zu trinken! –
Amphoren und Krüge fand ich leer:
Herrlich gemaltes Gefäß.
Schöpft denn kein Mädchen am Brunnen mehr?
Kein Samariterweib, zärtlich und scheu,
neigte den Krug mir zu.
Mich dürstet sehr! –
[...]
III. Die Hand
Der Sonnenstrahl
hängt sich an deine Hand.
Ich seh es:
deine Haut
ist braun gebrannt.
Und lächelnd läßt du ihn
von Herzen gern gewähren;
und reif und voll
wie Juliähren
liegt deine Hand
im Schoß.
Drum steigt aus deinem Schoß
ein Weiherauch,
ein feiner Hauch
von Sandelholz.
Wie ein Juwelenschrein
schließt dein brokatenes Gewand
die braunen Finger ein.
[...]
VI. Gebet
Gott füllte mich mit Dirbis an den weiten Rand,
weil er mein armes Herz
ganz leer und dunkel fand.
Er füllte deinen Glanz
tief in mein Herz hinein.
Laß mich, o laß mich, Gott,
ein reiner Becher sein!5
Als ich diese Verse das erste Mal las, da weckten sie in mir ein ähnliches Gefühl, wie jene der Sappho, die ich etwa zur gleichen Zeit zu lesen begonnen hatte. Und hält man einige ihrer Gedichte dagegen, so mag sich dieser flüchtige Eindruck bestätigen lassen:
Da war mit Ambrosia
der Trank im Krug gemischt.
Hermes ergriff die Kanne, schenkte den Göttern ein.
Und alle, die Becher in Händen,
erbaten zur Spende Fülle des Segens
dem Bräutigam6
[...]
Der Apfel
Einsam rötet und ründet sich
Zuhöchst im Gezweige
Der süßeste Apfel.
Vergaßen die Pflücker ihn?
O sie vergaßen ihn nicht;
Zu fern nur
Reift er den heimsenden Händen ... 7
[...]
So tanzten im Maß ein wohl die Kreterinnen,
Den holden Altar schwebenden Schritts umkreisend,
Und traten auf sanft schmiegsame Wiesenblumen.8
Diese Assoziation, die diese Handvoll Verse in mir weckte, in Kombination mit dem augenscheinlichen Thema einer Frau, die an eine Frau schreibt, dem sich wiederholenden Motiv des Gefäßes in den Gedichten (‚Amphoren und Krüge‘, ‚Juwelenschrein‘, ‚reiner Becher‘), das ich selbst gern in meinen eigenen Texten verwende, sowie die Anrufung einer Gottheit (was ebenso bei Sappho erscheint) entfachte in mir den Wunsch, mehr von dieser (noch) gesichtslosen Elisabeth Paulsen zu lesen.
Anhängsel
❦
(1): literaturwissenschaft-berlin.de (zuletzt aufgerufen am 01.02.2026)
(2): Brinker-Gabler, Gisela. Deutsche Dichterinnen vom 16. Jahrhundert bis zur Gegenwart. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 1978. S. 409ff.
(3): ebd. S. 285
(4): Macdougall, William Brown. A Woman’s Head in Symons, Arthur [Hrsg.]. The Savoy. Band 3; Ausgabe 6, Oktober 1896, London. S. 91 (Onlinequelle: archive.org S. 95 (zuletzt aufgerufen am 01.02.2026)) (Brinker-Gabler schreibt die Arbeit fälschlicherweise Fred Hyland zu. Eine andere Illustration dieses Künstlers findet sich aber erst im Folgeheft Nr. 7)
(5): Brinker-Gabler. S. 286ff.
(6): Sappho; Schirnding, Albert von [Übers.]. Und ich schlafe allein. Gedichte. C. H. Beck textura, München 2013. S. 69
(7): Braun, Felix [Hrsg.]; Bayr, Rudolf [Übers.]. Die Lyra des Orpheus. Lyrik der Völker in deutscher Nachdichtung. Wilhelm Heyne Verlag, München 1978. S. 132
(8): Britting, Georg; Hennecke, Hans; Hohoff, Curt; Vossler, Karl [Hrsg.]; Rupé, Hans [Übers.]. Lyrik des Abendlandes. Carl Hanser Verlag, München 1963. S. 30
(9): Brinker-Gabler. S. 2
(10): ebd. S. 422
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