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Elisabeth Paulsen – Kaum eine Handvoll Verse

Es ist kein Geheimnis, dass sich unser Literaturkanon zum größten Teil aus männlichen Namen zusammensetzt. Ein Blick ins heimische Bücherregal sollte dies schnell offenbaren. Und ich bin davon nicht ausgenommen. Wer mich kennt, weiß von meiner Dante-Sammlung und meiner Leidenschaft für das lyrische Schaffen von Rainer Maria Rilke. Und selbstverständlich habe ich auch die Gedichte von Johann Wolfgang von Goethe und Friedrich Schiller hier zu stehen. So weit so vorhersehbar.
Über die Jahre entdeckte ich aber auch die eine oder andere Schriftstellerin für mich. So zum Beispiel Marina Zwetajewa, deren Gedichte und deren Briefwechsel mit Rainer Maria Rilke ich nicht mehr missen möchte. Ebenso die Gedichte der Sappho will ich um keinen Preis mehr von mir geben. Doch neben einigen anderen Büchern – zum Beispiel von Gertrud Kolmar und Else Lasker-Schüler – wird es recht schnell wieder männlich bei mir. Ein weiterer Name hat es mir noch angetan: Elisabeth Paulsen!
Zu meinem Leidwesen zählt sie zu jenen Dichterinnen, die fast vollständig in Vergessenheit geraten sind. Ihre Bücher werden im Grunde sämtlich seit ihrem Ersterscheinen vor über hundert Jahren nicht mehr aufgelegt, ihr Nachlass schlummert im Dehmel-Archiv in Hamburg seinen Dornröschenschlaf und das was an Berichten von ihrem Leben zu finden ist, ist knapp und darin mitunter auch noch durchzogen von Widersprüchen.
In diesem und – wer weiß wie vielen – Folgebeiträgen, möchte ich das gerne ändern. Dabei will ich, der ich zwar kein Literaturwissenschaftler oder Historiker bin, versuchen nach bestem Wissen und Gewissen Zeugnis von meiner Suche und meinen Funden(!) zu geben, indem ich sämtliche Quellen, auf die ich unterwegs gestoßen bin, offenlege. Hierbei wird sich zeigen, wie schwer diese Arbeit sich mitunter gestaltet und wie viel Respekt jene verdient haben, die dies vor den Zeiten des Internets getan haben; wo ein obskures Schriftstück manchmal nur ein paar Mausklicks entfernt ist, da mussten sie weiß Gott was auf sich nehmen, um daran zu gelangen.
Der folgende Beitrag handelt in erster Linie von jenem Buch, in dem ich den Namen Elisabeth Paulsen zum ersten Mal las. Und auch wenn es nur den Anstoß bot: jede Reise beginnt bekanntermaßen mit dem ersten Schritt.

My White Male Bookshelf

Diese Geschichte muss wohl 2018 ihren Anfang genommen haben, eine Weile nachdem Tillmann Severin sein Experiment zu my white male bookshelf startete.
Er entschied sich sämtliche Bücher männlicher Autoren mit dem Buchschnitt nach vorne auszurichten, umso das Verhältnis – oder besser das Missverhältnis – zwischen männlichen und weiblichen Autoren unmittelbar sichtbar zu machen. Ergebnis: „Das Regal war weiß geworden.“1

Ich entschied, es ihm gleich zu tun. Und das Resultat muss ein ähnliches gewesen sein, denn kurz darauf fasste ich den Entschluss, mich mehr nach Lyrikerinnen umzusehen. Doch wo beginnen?
Ich meine mich zu entsinnen, ein von mir damals regelmäßig frequentiertes Geschäft aufgesucht zu haben: das Café Tasso in Berlin. Damals konnte man hier gebrauchte Bücher für 1-2€ erstehen. Die Auswahl war groß und vielfältig, und mit etwas Glück konnte man den einen oder anderen Schatz finden. Noch wusste ich es nicht, aber Deutsche Dichterinnen vom 16. Jahrhundert bis zur Gegenwart herausgegeben von Gisela Brinker-Gabler sollte so ein Schatz werden.
Das Buch vereint in chronologischer Folge ausgewählte – oder eher aus der Verschüttung gerettete – Gedichte von 60 Autorinnen und gibt für jede von ihnen ein Porträt sowie einen kurzen Lebenslauf. Wo möglich. Denn nicht in allen Fällen war die Arbeit der Herausgeberin in Gänze erfolgreich. In vielen Fällen fand sich keine zeitgenössische Darstellung, weshalb Platzhalterbilder genutzt wurden: das Titelblatt eines Gedichtbandes oder zeitgenössische Kunstwerke. Selbst auf Gedichte konnte die Herausgeberin in einigen Fällen nicht zurückgreifen, da diese zwar in Bibliographien Erwähnung fanden, für sie aber ‚nicht beschaffbar‘ waren, wie sich daselbst im Quellenverzeichnis nachlesen lässt.2

Ein Name ohne Gesicht

Beim Durchblättern dieses Buches stieß ich auf Namen, die uns heute – wenigstens ein flüchtiger – Begriff sind. Aber auch solche, die uns nach wie vor nahezu unbekannt erscheinen dürften. Einen dieser unbekannten Namen fand ich auf Seite 285: Elisabeth Paulsen. Die angegebenen Lebensdaten waren mehr als dünn (1879–?) – wie in anderen Fällen auch – und viel stand da nicht über sie geschrieben:

Nachrichten über das Leben und Werk von Elisabeth Paulsen sind spärlich. Sie wuchs in Holstein als Tochter eines Kirchenpropstes auf und lebte später verheiratet in Hamburg. Sie veröffentlichte zwei Gedichtbände, die in Bibliotheken nicht mehr greifbar sind. Bekannt ist ihre Lyrik nur aus Anthologien und Zeitschriften des ersten Jahrzehnts dieses Jahrhunderts. Eine Ausnahme ist die von Elisabeth Langgässer herausgegebene Anthologie von 1934, die noch einige Gedichte enthält.3

Zusätzlich gab es keine Abbildung. Ein zeitgenössischer Druck aus der monatlich erscheinenden Illustrierten The Savoy aus dem Jahr 18964 füllte die Leerstelle. Gewiss mag es auch an diesem Bild gelegen haben, dass mein Interesse am Schicksal dieser Dichterin geweckt wurde. Doch freilich nicht nur das. Nach dem kurzen biographischen Abriss finden wir zehn Gedichte. Acht von diesen sind Teil der Reihe „Gedichte an eine Frau“. Dort lesen wir:

I. Seufzer

Gebt mir zu trinken! –
Amphoren und Krüge fand ich leer:
 Herrlich gemaltes Gefäß.
Schöpft denn kein Mädchen am Brunnen mehr?
Kein Samariterweib, zärtlich und scheu,
 neigte den Krug mir zu.
 Mich dürstet sehr! –

[...]

III. Die Hand

Der Sonnenstrahl
hängt sich an deine Hand.
Ich seh es:
deine Haut
ist braun gebrannt.

Und lächelnd läßt du ihn
von Herzen gern gewähren;
und reif und voll
wie Juliähren
liegt deine Hand
im Schoß.

Drum steigt aus deinem Schoß
ein Weiherauch,
ein feiner Hauch
von Sandelholz.
Wie ein Juwelenschrein
schließt dein brokatenes Gewand
die braunen Finger ein.

[...]

VI. Gebet

Gott füllte mich mit Dir
bis an den weiten Rand,
weil er mein armes Herz
ganz leer und dunkel fand.

Er füllte deinen Glanz
tief in mein Herz hinein.
Laß mich, o laß mich, Gott,
ein reiner Becher sein!5

Als ich diese Verse das erste Mal las, da weckten sie in mir ein ähnliches Gefühl, wie jene der Sappho, die ich etwa zur gleichen Zeit zu lesen begonnen hatte. Und hält man einige ihrer Gedichte dagegen, so mag sich dieser flüchtige Eindruck bestätigen lassen:

Da war mit Ambrosia
der Trank im Krug gemischt.
Hermes ergriff die Kanne, schenkte den Göttern ein.
Und alle, die Becher in Händen,
erbaten zur Spende Fülle des Segens
dem Bräutigam6

[...]

Der Apfel

Einsam rötet und ründet sich
Zuhöchst im Gezweige
Der süßeste Apfel.
Vergaßen die Pflücker ihn?
O sie vergaßen ihn nicht;
Zu fern nur
Reift er den heimsenden Händen ... 7

[...]

So tanzten im Maß ein wohl die Kreterinnen,
Den holden Altar schwebenden Schritts umkreisend,
Und traten auf sanft schmiegsame Wiesenblumen.8

Diese Assoziation, die diese Handvoll Verse in mir weckte, in Kombination mit dem augenscheinlichen Thema einer Frau, die an eine Frau schreibt, dem sich wiederholenden Motiv des Gefäßes in den Gedichten (‚Amphoren und Krüge‘, ‚Juwelenschrein‘, ‚reiner Becher‘), das ich selbst gern in meinen eigenen Texten verwende, sowie die Anrufung einer Gottheit (was ebenso bei Sappho erscheint) entfachte in mir den Wunsch, mehr von dieser (noch) gesichtslosen Elisabeth Paulsen zu lesen.

Anhängsel

Wie jedes gute Buch dieser Art, verfügt auch Deutsche Dichterinnen vom 16. Jahrhundert bis zur Gegenwart über einen Anhang, in dem sich ein Quellenverzeichnis bzw. eine Bibliographie befindet. Wie ich bereits erwähnte, ist dieser hier stellenweise sehr dünn, was dem Umstand geschuldet ist, dass es sich hierbei nicht umsonst um Lyrik handelt, „die bisher in der Literaturgeschichte verschüttet war“9.
Paulsens bis dato ausgegrabenes Oeuvre beschränkte sich auf zwei namentlich genannte Gedichtbände, die für die Herausgeberin aber ‚nicht beschaffbar‘ waren. Stattdessen erwähnt sie das Buch Frauenlyrik unserer Zeit von Julia Virginia aus dem Jahr 1907, die Neue deutsche Rundschau 18 aus dem gleichen Jahr und den Sammelband Herz zum Hafen. Frauengedichte der Gegenwart, den sie auch schon in der biographischen Skizze nannte (hier wird allerdings 1933 als Erscheinungsjahr angegeben). Leider gibt sie keine Quelle für die biographischen Informationen an.10 
Und an diesem Punkt sollte ich bis auf weiteres stehenbleiben. Das Leben muss wohl Lebendinge gemacht haben: ich zog von Berlin nach Halle an der Saale, um mein Buchkunststudium an der Burg Giebichenstein zu beginnen, das Buch mit Paulsens Gedichten wanderte in einen Umzugskarton und so meinem Blick entrückt, vergaß ich es für einige Jahre.

(1): literaturwissenschaft-berlin.de (zuletzt aufgerufen am 01.02.2026)
(2): Brinker-Gabler, Gisela. Deutsche Dichterinnen vom 16. Jahrhundert bis zur Gegenwart. Fischer Taschenbuch Verlag,
 Frankfurt am Main 1978. S. 409ff.
(3): ebd. S. 285
(4): Macdougall, William Brown. A Woman’s Head in Symons, Arthur [Hrsg.]. The Savoy. Band 3; Ausgabe 6, Oktober 1896, London. S. 91  (Onlinequelle: archive.org S. 95 (zuletzt aufgerufen am 01.02.2026)) (Brinker-Gabler schreibt die Arbeit fälschlicherweise Fred Hyland zu. Eine andere Illustration dieses Künstlers findet sich aber erst im Folgeheft Nr. 7)
(5): Brinker-Gabler. S. 286ff.
(6): Sappho; Schirnding, Albert von [Übers.]. Und ich schlafe allein. Gedichte. C. H. Beck textura, München 2013. S. 69
(7): Braun, Felix [Hrsg.]; Bayr, Rudolf [Übers.]. Die Lyra des Orpheus. Lyrik der Völker in deutscher Nachdichtung. Wilhelm Heyne Verlag, München 1978. S. 132
(8): Britting, Georg; Hennecke, Hans; Hohoff, Curt; Vossler, Karl [Hrsg.]; Rupé, Hans [Übers.]. Lyrik des Abendlandes. Carl Hanser Verlag, München 1963. S. 30
(9): Brinker-Gabler. S. 2
(10): ebd. S. 422

Kommentare

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