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Elisabeth Paulsen – Das Internet vergisst nichts...

... aber es muss sich mitunter erst an Dinge erinnern. Ebenso wie ich mich daran erinnern musste, dass sich ein Buch mit einigen Gedichten einer verschütteten Dichterin in meinem Bücherregal befindet. Dies geschah im vergangenen Jahr kurz nach dem Abschluss meines Studiums an der Burg Giebichenstein in Halle an der Saale. 
Meine Schwester kam auf mich in eigenen Studienangelegenheiten zu. Sie suchte händeringend nach dem Buch einer fast vollständig in Vergessenheit geratenen Schriftstellerin, Marie Holzer. Nach eigener Recherche hatte sie herausgefunden, dass sich ein Exemplar bei mir in Leipzig – wo ich während meines Studiums hingezogen war – in der Deutschen Nationalbibliothek befindet. Kurzerhand machte ich ihr das Angebot, ihr ein Digitalisat des Buches für ihre Masterarbeit zu besorgen. Im Zuge dessen erinnerte ich mich: vergessene Schriftstellerin... vergriffene Bücher... da war doch was...

Paulsen? Fuhrmann? Fuhrmann-Paulsen?

Und so erinnerte ich mich also an das Buch – von dem ich in diesem Beitrag berichtete – und auch des Namens der Dichterin: Elisabeth Paulsen!
Zuerst suchte ich dort, wo auch meine Schwester fündig geworden war: im Online-Katalog der Deutschen Nationalbibliothek. Dort fand ich tatsächlich auch einige Einträge, die zu den Angaben im Buch von Gisela Brinker-Gabler zu passen schienen. Zwei Gedichtbände, allerdings mit leicht anderen Jahreszahlen und Titelangaben.1 Auch Paulsen selbst wurde hier anders genannt: Elisabeth Fuhrmann oder auch Elisabeth Fuhrmann-Paulsen. Ihr Ehemann sei Ernst Fuhrmann gewesen – ein Charakter, auf den ich noch das eine oder andere Mal zurückkommen werde, ihr Vater – der von Brinker-Gabler erwähnte Kirchenpropst – hieß Theodor Paulsen und auch ein Sohn wurde erwähnt, Arend Fuhrmann, seines Zeichens Künstler. Ebenfalls fand ich angepasste Lebensdaten, die zwar nach wie vor ohne einen Geburtstag auskamen, doch immerhin ein Todesjahr wurde angegeben: 1951.2
Ich bestellte die besagten Gedichtbände neben dem Buch, das ich für meine Schwester ausleihen wollte, zur Ansicht im Lesesaal der DNB und wartete.

Alte Versionen und tote Links

Nun stehe ich an einem Scheideweg im Versuch meine Recherche voll zu rekonstruieren, denn was ich vor knapp einem Jahr ursprünglich zur Verfügung hatte, hat sich hier und da gewandelt. Vergleicht man zum Beispiel die Versionen der Wikipedia-Artikel über Elisabeth Paulsen von Anfang 2025 mit dem jetzigen Stand, zeigen sich einige Unterschiede.3 Ebenso sah ich mir andere Internetseiten und andere Wikipedia-Artikel an, an denen sich auch einiges verändert haben dürfte. Ich erachte es nicht für zielführend hier einen unnötigen Mehraufwand zu betreiben, um ein wirklich akkurates Bild meines Such- und Findeverlaufes zu geben, wenn ich stattdessen das vorstelle, was ich gefunden habe.

Kritische Ausgabe

Ein Text, der Erwähnung fand, hieß „Vom Verschwinden einer Dichterin“ von Thomas Krämer, veröffentlicht im Jahr 2002 in der Zeitschrift Kritische Ausgabe. Stand jetzt verweist der Wikipedia-Artikel über Ernst Fuhrmann nur auf einen toten Link4, doch mit ein wenig Mühe kann der Artikel online gefunden werden.5
Ich kann nicht genug betonen, wie wichtig dieser Artikel für meine folgende Suche war. Es wäre müßig hier Alles noch einmal wiederzugeben, was darin geschrieben steht – das wird nach und nach an gegebener Stelle passieren (allein schon aus Sorge, dass er ein weiteres Mal verschwindet). Ich empfehle die Lektüre allerdings sehr! 

Deutsche Liebeslyrik

Eine weitere Internetseite, die mich einerseits Freudensprünge machen ließ, andererseits auch halb zur Verzweiflung trieb, heißt deutsche-liebeslyrik.de [] Dort finden wir an unterschiedlichen Stellen zwei Einträge zu Elisabeth Paulsen. Zum einen ein Verzeichnis von 20 Gedichttiteln, welche laut der Seitenbetreiberin Irene Stasch dem noch dem Copyright unterliegen würden.6 Auf einer anderen Seite aber teilt sie ganze 18 Gedichte.7

Kalliope-Verbund

Ein weiteres Portal, das für die kommende Recherche von größter Wichtigkeit sein wird, ist der Kalliope Verbundkatalog für Archiv- und archivähnliche Bestände des Kalliope-Verbundes []. Wenn mich nicht alles täuscht, findet sich hier alles aufgelistet, was auch ihrem und Ernst Fuhrmanns Nachlassverzeichnis der Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg Carl von Ossietzky8 befindet und ist gegebenenfalls um weitere Quellen anderer Institute erweitert. Neben den Gedichtbänden bestellte ich auch dieses Buch für den zur Einsicht im Lesesaal der Deutschen Nationalbibliothek. 

Zusammenfassung

Bisher habe ich mich mit dem Teilen der gefundenen Informationen zurückgehalten. Hier will ich meinen aktualisierten Kenntnisstand teilen:

Elisabeth Fuhrmann-Paulsen, die ich folgend Paulsen nennen werde, wurde 1879 geboren, wahrscheinlich in Marne, wo ihr Vater, Theodor Paulsen, zur Zeit ihrer Geburt Propst war.9 Sie heiratete „den Dichter, Verleger, Anreger, Aufreger, Querdenker und Biosophen Ernst Fuhrmann“10. Zwei Söhne sollen sie gehabt haben, Arend und Torolf. Das Paar lernte sich „im Umkreis Richard Dehmels“ kennen, „mit dessen Frau Ida“ Paulsen über viele Jahre hin befreundet war und einen regen Briefwechsel führte.11 
1919 wurde Ernst Fuhrmann „von Karl Ernst Osthaus zum Direktor des Deutschen Museums für Kunst in Handel und Gewerbe, stellvertretenden Leiter des Folkwang-Museums und Leiter des Folkwang-Verlages berufen.“12 Das Paar zog nach Hagen.
Als 1921 Osthaus verstarb und Fuhrmann den Nachlass vollstreckt hatte, begann ein Wanderleben. Zuerst nach Darmstadt. 1923 meldete der Verlag Konkurs an.13 Ab 1926 soll die Familie oft in der Schweiz gewesen sein, wo sie Walter und Hedi Mertens auf ihrem Anwesen in Feldmeilen bei Zürich besuchten.14 1927 zog das Ehepaar nach Friedrichssegen bei Lahnstein und „der Verlag wurde als Folkwang-Auriga-Verlag neu gegründet.“15
Paulsen beendete die Ehe. Hernach gab es keine Veröffentlichungen mehr von ihr mit Ausnahme der Teilnahme am Sammelband Herz zum Hafen – Frauengedichte der Gegenwart (1933).16 Zu dieser Zeit lebte sie wohl in Braubach am Rhein.17 Im Privaten schrieb sie weiterhin Gedichte, wie sich aus ihrem Nachlass erkennen lässt.18 Fuhrmann floh 1938 ins Exil, Paulsen blieb mit dem Sohn Arend zurück in Deutschland, wo sie 1951 verstarb.19

Veröffentlichungen zu Lebzeiten

Im Folgenden möchte ich zusammentragen, was ich durch meine Recherche an Veröffentlichungen von Elisabeth Paulsen zu ihren Lebzeiten gefunden habe. Diese Liste umfasst sowohl ihre drei (!) Gedichtbände, diverse Einzelveröffentlichungen in Sammelbänden und Zeitschriften, übersetzerische Arbeiten sowie vier ihrer Gedichte, die ins Englische übertragen worden sind. Wo immer es mir möglich ist, stelle ich einen Link zum betreffenden Digitalisat und Datensatz bereit.

Gedichtbände:
  • Jungfrauenbeichte. J. Bensheimer, Mannheim 1908. [Digitalisat in HathiTrust ]
  • Gedichte. Insel Verlag, Leipzig 1913. [DNB ; Digitalisat in HathiTrust ]
  • Leben sagenhaft. Folkwang-Verlag, Hagen 1920. [DNB ; Digitalisat in HathiTrust 

Einzelne Gedichte:
  • Virginia, Julia. Frauenlyrik unserer Zeit. Schuster & Loeffler, Berlin und Leipzig 1907 (Darin: Gedichte an eine Frau, S. 145–149) [Digitalisat des Inhaltsverzeichnisses ]
  • Morgen – Wochenschrift für deutsche Kultur. (1907) Sombart, Werner [Hrsg.], Hofmannsthal, Hugo von [Mitw.]. Marquardt & Co., Berlin. (Darin: Lebenslied; Gefällte Bäume, S. 185) [Digitalisat in HathiTrust ]
  • Neue deutsche Rundschau. 18 (1907). S. Fischer Verlag, Berlin. (Darin: Die Amazone, S. 883–884) [archive.org ]
  • Daheim – Ein deutsches Familienblatt. Jahrgang 46. Nr. 43 (23.07.1910). (Darin: Frauenklub Hamburg, S. 26) [googlebooks ]
  • Licht und Schatten. Jahrgang 1. Nr. 49 (1911) (Darin: Wanderlied, S. 8) [Digitalisat in HathiTrust ]
  • Licht und Schatten. Jahrgang 1. Nr. 51 (1911) (Darin: Laß uns in den Abend wandern... S. 6) [Digitalisat in HathiTrust ]
  • Licht und Schatten. Jahrgang 2. Nr. 7 (1911) (Darin: Fatamorgana, S.8?) [Digitalisat in HathiTrust 
  • Licht und Schatten. Jahrgang 2. Nr. 36 (1912) (Darin: Vorwurf, S. 8) [Digitalisat in HathiTrust ]
  • Licht und Schatten. Jahrgang 2. Nr. 41 (1912) (Darin: Erklärung, S. 8) [Digitalisat in HathiTrust ]
  • Licht und Schatten. Jahrgang 3. Nr. 15 (1913) (Darin: Die Seele des Mädchens, S. 6) [Digitalisat in HathiTrust ]
  • Licht und Schatten. Jahrgang 4. Nr. 35 (1914) (Darin: Abendlied, S. 6) [Digitalisat in HathiTrust ]
  • Sonntagsbeilage der Königsberger Hartungschen Zeitung. Nr. 564 (1912). Heymann, Walther [Hrsg.]. Königsberg. (Darin: Siegessage)
  • Kündung – Eine Zeitschrift für Kunst. 1. Folge, 2. Heft (1921). Niemeyer, Wilhelm; Schapire, Dr. Rosa [Hrsg.]. o. O. (Darin: Vom frühen Schicksal. Gedichte, S. 20) [DNB ; Digitalisat in HathiTrust ]
  • Annalen –  Eine Schweizerische Monatsschrift für Literatur, Kunst und Leben. Jahrgang 2. (1928). Verlag der Münster-Presse. (Darin: Verzückung, S. 329) [googlebooks ]
  • Langgässer, Elisabeth [Hrsg.]; Seidel, Ina [Mitw.]. Herz zum Hafen – Frauengedichte der Gegenwart. R. Vogtländer Verlag, Leipzig 1933. (Darin: Einer weiß um mich, S. 80) [DNB ]

Übersetzungen:
  • Bethge, Hans. Die Lyrik des Auslandes in neuerer Zeit. Max Hesses Verlag, Leipzig 1907. (Darin: Longfellow, Henry WadsworthHymne an die Nacht, S. 4–5. Browning, RobertIm Laboratorium; Porphyrias Seelenfreund, S. 100–104. Keats, JohnLa belle dame sans merci; Zeilen an Fanny; Ode an die Melancholie; Ode an die Nachtigall, S. 105–113. Morris, WilliamAm Abend von Crecy, S. 114–116.) [Digitalisat in HathiTrust ]
  • Philippe, Charles-Louis. Mutter und Kind. Roman. Fleischel, Berlin 1912. (Originaltitel: La mère et l’enfant) [DNB ; Digitalisat in HathiTrust ]

Übersetzte Gedichte:
  • Bithell, Jethro [Hrsg., Übers.]. Contemporary German Poetry. The Walter Scott Publishing Co. Ltd., London and Fellington-on-Tyne, New York 1909. (Darin: Question; Sigh; A Stranger; Liberation, S. 161) [archive.org ]
Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich für eine Reihe dieser Angaben, die Onlinequellen nicht mehr aufspüren kann. Dennoch habe ich zu einigen von ihnen Screenshots, die ich im Anhang teilen will. In der einen oder anderen Mußestunde will ich mich abermals daran machen, die Quellen ausfindig zu machen.

Postume Veröffentlichungen:
  • Brinker-Gabler, Gisela. Deutsche Dichterinnen vom 16. Jahrhundert bis zur Gegenwart. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 1978. (Darin: Gedichte an eine Frau; Die Amazone; Einer weiß um mich..., S. 286 – 291)
  • Bers, Anna [Hrsg.]. Frauen|Lyrik. Reclam Verlag, Ditzingen, Stuttgart 2024. (Darin: „La belle dame sans merci“, S. 449

Quellenverzeichnis:
(1): Bisher ließ ich die Titel der Gedichtbände noch unerwähnt, da sich – insbesondere im Anfangsstadium meiner Recherche – die Informationen zu ihnen wieder und wieder aktualisieren sollten. Um Verwirrung vorzubeugen und keine Fehlinformationen zu streuen, werde ich an passender Stelle alle in einem Zug nennen.
(2): Datensatz zu Elisabeth Fuhrmann im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek 
(3): Vergleich der Versionen vom 21.04.2023 und der vom 25.09.2025 des Wikipedia-Artikels über Elisabeth Paulsen 
(4): Wikipedia-Artikel zu Ernst Fuhrmann 
(5): Krämer, Thomas. „Vom Verschwinden einer Dichterin – Versuch über Elisabeth Paulsen“ in Frauen! Kritische Ausgabe – Zeitschrift für Germanistik & Literatur. Jahrgang 6 1/2002. S. 26f. Link zur Ausgabe ; Link zum Artikel 
(6): Verzeichnis von 20 Gedichttiteln in deutsche-liebeslyrik.de 
(7): Verzeichnis von 18 Gedichten in deutsche-liebeslyrik.de 
(8): Ernst Fuhrmann : (1886 - 1956) ; Verzeichnis seines Nachlasses und des Nachlasses von Elisabeth Fuhrmann-Paulsen in der Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg Carl von Ossietzky / bearb. von Astrid Windus. Mit einem Essay von Hans-Gerd Winter (Datensatz der DNB )
(9): Datensatz zu Theodor Paulsen im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek 
(10): Krämer, S. 26
(11): ebd.
(12): ebd.
(13): ebd.
(14): Wikipedia-Artikel zu Elisabeth Paulsen 
(15): Krämer, S. 26
(16): ebd., S. 26f.
(17): Langgässer, Elisabeth [Hrsg.]; Seidel, Ina [Mitw.]. Herz zum Hafen – Frauengedichte der Gegenwart. R. Vogtländer Verlag, Leipzig 1933. S. 166
(18): vgl. kalliope-verbund.de 
(19): Krämer, S. 27

Abbildungen:
Zwei Gedichte aus Morgen. 1907 

Siegessage aus der Sonntagsbeilage
der Königsberger Hartungschen Zeitung. 1912

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